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Insights aus einem deutsch-indischem Interview

Gespräch von Martina Maciejewski – Your success in India mit Frau Andra Riemhofer

Bildquelle: Your Success In India

Andra Riemhofer, www.andra-ibf.de

06.08.2015: Andra Riemhofer unterstützt als freiberufliche Beraterin internationale Firmen dabei, in Deutschland Fuß zu fassen. Die meisten ihrer Kunden stammen aus Indien. Aktuell arbeitet sie an einem Buch zum Thema „Doing Business in (and around) Delhi“.



Your success in India (YSII): Andra, Deine Berufskarriere gestaltet sich vielfältig und international. Ursprünglich kommst Du aus dem Verlagswesen. Wie genau kam Indien dabei ins Spiel?

Andra: Durch Zufall – oder vielleicht war es sogar Karma? Die Schwester meines Vaters war mit einem Inder verheiratet. In Indien gibt es sicher in jedem Dialekt eine genaue Bezeichnung für diesen Verwandtschafts-Grad. Diesen Onkel Nino, der leider sehr früh verstorben ist, habe ich als Kind vergöttert. Indien hat mich daher immer fasziniert. Ich wusste auch, dass einer der Vetter meines Onkels irgendetwas mit Verlagen zu tun haben musste. Der Cousin stattete nämlich jedes Jahr zur Buchmesse einen Besuch ab. Über ca. 3,7 Ecken bin ich so während meines ersten Studiums 2001 an ein halbjähriges Praktikum bei Tata McGraw-Hill in New Delhi gekommen. So zumindest die offizielle Kurzversion der Geschichte…

YSII: Wenn Du an Deine erste Geschäftsreise nach Indien zurückdenkst – gab es ein Erlebnis mit der Geschäftsmentalität, das Du erst nach längerer Zusammenarbeit mit indischen Firmen verstanden hast?
 
Andra: Eine interessante Frage. Sehr viel verstanden habe ich erst Jahre später während meines zweiten Studiums im Bereich der interkulturellen Kommunikation und Kooperation. Anhand des Wissens, das dort vermittelt wurde, konnte ich Stück für Stück Situationen analysieren und auch Reaktionen auf mein Tun entschlüsseln, die mir bis dahin ein Rätsel geblieben waren. Ich muss meine Kollegen damals mit meiner sehr direkten Art und dem, was man bei uns als Durchsetzungsvermögen bezeichnet, wohl sehr oft vor den Kopf gestoßen haben: Meinen Chef, der seinem Boss nie Contra gab, hielt ich für ein liebenswertes Weichei. Ich hatte nicht verstanden, warum man lieber auf einen Lagerarbeiter wartet, als selbst Hand anzulegen und einen Stapel Bücher vor dem Regen zu retten. Auch meine Ansätze Richtung Prozess-Optimierung mit einem „no worries, we can still fix that!“ abzutun – das hat mich damals schon an meine Grenzen gebracht. Heute freue ich mich über die schönen, selbsterlebten „critical incidents“.

YSII: Mit welcher Art indischer Firmen arbeitest Du zusammen? Welchen Einfluss hat diese tagtägliche Kommunikation mit Indern auf die Zusammenarbeit mit deutschen Kollegen und Kunden?
 
Andra: Meine Zielgruppe sind kleine und mittelständische Unternehmen – übrigens nicht nur Firmen aus Indien. Da ich aus dem Verlagswesen komme, und auch einige Jahre für eine Elektronik-Fachzeitschrift sowie einen Bauelemente-Distributor gearbeitet habe, ziehe ich hauptsächlich Firmen aus dem Bereich Elektronik und Verlagswesen an; ich hatte aber auch schon ein sehr spannendes Projekt mit einem IT-Unternehmen und einen Auftrag von einem Zertifizierungsinstitut. Gerade bin ich mit Firmen aus dem Bereich „Green Technology“ im Gespräch.
Was deutsche Kunden und Kollegen angeht, bin ich vielleicht allgemein etwas toleranter und entspannter geworden über die Jahre. Das hoffe ich zumindest. Was dann schon passieren kann: Kürzlich habe ich ganz nach indischer Manier zu einem Chinesen gesagt „Don’t worry – we’ll see!“ Das war durch einen Automatismus ausgelöst und hat den Herrn sichtlich irritiert.

YSII:  Mir selbst als weibliche Inhaberin von Your success in India wird diese Frage oft gestellt – nun bin ich gespannt, was Du als unsere erste weibliche Interviewpartnerin uns antwortest – wie fühlst Du Dich als Frau in Indien? Hast Du eine Situation für uns, die Du so in Deutschland nie erlebt hättest?
 
Andra: Hm, ich vermute, ich weiß, worauf Du hinaus willst? Also, ich werde oft gefragt, ob es mir nichts ausmacht, alleine durch Indien zu reisen. Nein. Ich persönlich habe mich bis auf ein, zwei Situationen immer sicher und pudelwohl gefühlt. Ich denke, das hängt aber auch damit zusammen, wie ich auftrete, und – offen gesprochen – damit, dass ich weiß bin. Überhaupt ist in Indien Hierarchie und Seniorität ausschlaggebender als das Geschlecht, so zumindest meine Erfahrung. Positiv fällt mir im Gegensatz zu Deutschland auf, dass es oft Warteschlangen speziell für Frauen gibt, oder zum Beispiel hat es oft auch Frauenabteile in der S-Bahn oder im Bus. Ich finde es in München oder jeder anderen deutschen Stadt ehrlich gesagt nicht sehr angenehm, im Berufsverkehr Körperkontakt auf Hüfthöhe mit allen möglichen Menschen zu haben – in Delhi sind das dann wenigstens ausschließlich Frauen, wenn ich das möchte.

YSII: Würdest Du etwas vermissen, wenn Du die interkulturelle Zusammenarbeit mit indischen Kunden und Partnern nicht hättest? Was wäre das?
 
Andra: Puh, das könnte eine Identitätskrise bedeuten. Die Arbeit an sich würde mir wohl nicht so sehr fehlen, damit könnte ich bestimmt umgehen. Ich träume sogar davon, meinen Ruhestand in Indien irgendwo in der Region Mumbai zu verbringen. Und auch mit Finnen und Norwegern lässt sich im Übrigen gut arbeiten, das ist es nicht. Aber die Vorstellung, das Land nicht mehr bereisen zu dürfen oder keine Kontakte zu Menschen mit indischen Wurzeln hier und dort mehr zu pflegen, nicht mehr an meinem Buchprojekt zu arbeiten – das wäre für mich unvorstellbar: Nach meiner letzten Reise im Winter war ich regelrecht disturbed, dass es bei mir im Viertel draußen so still war. Kein Hupen, kein nichts. Auch das kann einem fehlen. Ich bin schon mal beim Geruch von Diesel und dem Geräusch eines Generators sentimental geworden. Und was ich sowieso immer vermisse, wenn ich nicht dort bin, ist das indische Essen.

YSII: Wenn Du an Zitate berühmter Persönlichkeiten denkst, oder auch an Musiktitel – welches/ welcher beschreibt Indien für Dich am besten?
 
Andra: Darf ich mit Max Frisch antworten? „Du sollst dir kein Bildnis machen, heißt es von Gott. Es dürfte auch in diesem Sinne gelten: Gott als das Lebendige in jedem Menschen, das, was nicht erfassbar ist. Es ist eine Versündigung, die wir, so wie sie an uns begangen wird, fast ohne Unterlass wieder begehen - Ausgenommen, wenn wir lieben.“

YSII: Vielen Dank, Andra für das aufschlussreiche und erfrischende Interview!
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