12.12.2014 - dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH

Die CSU und die Angst vor dem Chlorhuhn

Das Chlorhühnchen ist zum Synonym für die Ängste vieler Europäer vor dem geplanten Freihandelsabkommen TTIP geworden. In Chlor gebadete Hühner aus Amerika, die unsere Supermärkte überschwemmen - da vergeht vielen der Appetit. An diesem Freitag will sich die CSU in den Protestzug einreihen. Im Leitantrag zum Thema Wirtschaft ist das unerwünschte US-Geflügel ausdrücklich erwähnt: "Das Importverbot für Chlorhühnchen muss bleiben."

"Heute denkt ja jeder, dass er gleich stirbt, wenn er ein Chlorhühnchen isst", sagt Bernd Adleff vom Landesverband der bayerischen Geflügelwirtschaft. Für die Befürworter von TTIP ist die Chlorhuhn-Debatte bloße Hysterie.

Zuletzt ging Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hart mit der Chlorhuhn-Panik ins Gericht. Dieselben Menschen, die das Chlorhuhn fürchteten, würden ihre Kinder bedenkenlos ins Schwimmbad schicken, "wo die dann selbst den ganzen Tag in Chlor baden".

Nicht nur im Schwimmbad kommen die Menschen mit Chlor in Berührung. In vielen Ländern der Welt wird das Trinkwasser gechlort. Und auch in Deutschland steht bei beinahe jedem Menschen täglich eine Chlorverbindung auf dem Speisezettel: Speisesalz, chemisch Natriumchlorid.

In den USA wird Geflügel nach der Schlachtung für mehrere Stunden in chlorhaltige Desinfektionsbäder gelegt, um Keime abzutöten. In der EU ist das verboten. Die Züchter dürfen die Hühnchen nur mit Wasser abwaschen. "Wir besprühen die geschlachteten Tiere mit Eiswasser, um sie so schnell wie möglich herunterzukühlen", erzählt Adleff.

Probleme mit Salmonellen habe man dadurch in den Griff bekommen. "Wir brauchen das Chlorbad nicht." Gefahren für den Verbraucher sieht Adleff durch die Chlor-Behandlung nicht. In der Tat hat die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) das Chlorbad bereits 2005 als unbedenklich eingestuft. Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) kam zu dem Schluss, das der Verzehr von Chlorhühnchen für die Gesundheit ungefährlich ist.

Einige Fragen sind für das BfR aber offen. "Durch den Einsatz von chemischen Mitteln werden nicht nur krankmachende, sondern auch natürlich vorkommende Bakterien auf der Fleischoberfläche abgetötet", steht in einem BfR-Papier. Gelangen später neue Keime aufs Fleisch, fehlen diese Bakterien, die das Wachstum der unerwünschten Keime einschränken könnten. Auch die Frage der Resistenzbildung durch das Chlorbad, etwa gegen Antibiotika, sei noch unbeantwortet. Das Gleiche gilt für Umweltauswirkungen, wenn es um die Entsorgung des Chlorbades geht.

Doch in Sachen Salmonellen haben wohl eher die US-Bürger Grund zur Sorge. In Fachkreisen ist es ohnehin kein Geheimnis, dass die USA in manchen Bereichen schärfere Vorschriften haben, etwa bei der Zulassung neuer Arzneimittel. In Washington und New York geht die Angst vor laxen europäischen Standards um.

Und das ist offensichtlich begründet: Denn nach den offiziellen Daten ist die Gefahr einer Salmonelleninfektion in den USA wesentlich niedriger als in Deutschland. Die US-Gesundheitsbehörde zählte im Jahr 2012 16,4 Salmonelleninfektionen pro 100 000 Einwohner.

In Europa hingegen infizierten sich nach den Daten der europäischen Lebensmittelbehörde EFSA 22,2 von 100 000 Einwohnern mit Salmonellen-Erregern. Und im angeblich hygienisch vorbildlichen Deutschland gab es nach den EU-Daten sogar eine überdurchschnittlich hohe Infektionsrate von 25,1 Fällen pro 100 00 Einwohner.

Sollten es amerikanische Chlorhühnchen tatsächlich in europäische Supermärkte schaffen, fordert Adleff eine klare Kennzeichnung. "Der Verbraucher muss wissen, was er kauft." Bei der derzeit herrschenden Stimmung im Land würde wohl kaum jemand zum US-Hendl greifen - trotz geringeren Salmonellenrisikos./rib/cho/DP/zb (dpa)

 

Fakten, Hintergründe, Dossiers
  • Chlorhühnchen
  • Deutschland
  • TTIP
  • Chlor
  • Verbraucher
  • Geflügelwirtschaft