24.01.2023 - Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Fleisch-Importstopp in Afrika schadet Versorgungslage

Die EU exportiert große Mengen an Geflügelfleisch in westafrikanische Länder. Dies steht in der Kritik, Westafrika zu schaden und die Armut zu verschlimmern. Der Grund: Die billigen Importe drücken den lokalen Preis und machen einheimischen Kleinbäuerinnen und -bauern das Leben schwer. Forschende der Universitäten Bonn und Göttingen haben am Beispiel Ghana berechnet, welche Effekte sich ergäben, wenn das Land seine Importzölle für Geflügelfleisch deutlich erhöhen oder die Importe sogar komplett einstellen würde. Das Ergebnis: Die Preise würden im Inland tatsächlich steigen, allerdings würden die meisten lokalen Haushalte davon nicht profitieren. Die Studie ist in Food Security erschienen.

Es sind vor allem Hähnchenteile, die die EU in großen Mengen in verschiedene westafrikanische Länder exportiert, unter anderem auch nach Ghana. „Das Thema ist viel diskutiert, wenn es um Armut, internationalen Handel und die Rolle Europas für den Agrarsektor in Afrika geht“, sagt Prof. Dr. Matin Qaim vom Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) der Universität Bonn.

Er und sein Team verwendeten in ihrer aktuellen Studie national repräsentative Daten von rund 14.000 Haushalten aus allen Regionen Ghanas. Diese Mikrodaten der Produktion und des Konsums kombinierten sie mit einem Handelsmodell. Der Ansatz ist neu in diesem Zusammenhang: „Eine solche Kombination von Mikro- und Makrodaten wurde bisher noch nicht verwendet, um die Effekte der Geflügelimporte auf unterschiedliche Bevölkerungsgruppen in westafrikanischen Ländern zu untersuchen“, sagt Matin Qaim. Bisherige Fallstudien konzentrierten sich vor allem auf die Geflügelproduzenten.

Die Forschenden berechneten, welche Effekte sich ergäben, wenn Ghana seine Importzölle für Geflügelfleisch deutlich erhöhen oder die Importe sogar komplett einstellen würde. Das Ergebnis: Tatsächlich würden die Preise im Inland steigen. Bei einem Importstopp würden lokale Produzenten über ein Drittel mehr für den Verkauf ihrer Hähnchen bekommen – allerdings würden die meisten Haushalte in Ghana davon nicht profitieren. „Das liegt daran, dass auch die Preise für die Konsumenten steigen würden und es deutlich mehr Verbraucherinnen und Verbraucher als Geflügelproduzierende gibt“, sagt Erstautorin Isabel Knößlsdorfer von der Universität Göttingen. Auf Produzentenseite spielt zudem eine Rolle, dass viele Kleinbauernhaushalte Geflügel vor allem für den Eigenbedarf produzieren, also von den Preisen weniger stark betroffen sind.

Nachteile für die meisten Haushalte

In ihren Analysen unterschieden die Forschenden auch zwischen armen und weniger armen Haushalten im städtischen und ländlichen Raum. „Wir zeigen, dass alle diese Gruppierungen ohne Geflügelimporte im Schnitt schlechter dastehen würden als mit den Importen. Arme Haushalte würden bei einem Importstopp 80% weniger Hähnchenfleisch essen“, sagt Isabel Knößlsdorfer. Die Nachfrage nach Geflügelfleisch steige in vielen Ländern Afrikas stark an und könne nicht durch die einheimische Produktion allein gedeckt werden. Diese grundsätzlichen Erkenntnisse lassen sich auch auf andere importierende Länder in Westafrika übertragen. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass der internationale Agrarhandel wichtige positive Entwicklungseffekte für Westafrika haben kann“, betont Knößlsdorfer.

„Eine Reduktion des Fleischkonsums in Europa wäre aus Nachhaltigkeitsgründen durchaus wünschenswert, aber in Afrika ist die Situation anders. In den meisten afrikanischen Ländern ist der Fleischkonsum noch sehr gering, so dass das günstige Angebot durch die Importe die lokale Versorgungs- und Ernährungssituation mit Proteinen und anderen wichtigen Nährstoffen verbessert“, sagt Matin Qaim, Mitglied im Transdisziplinären Forschungsbereich „Sustainable Futures“ und Exzellenzcluster PhenoRob der Universität Bonn.

„Natürlich muss auch die lokale Landwirtschaft in Afrika gestärkt und gefördert werden, allerdings ist das Streben nach lokaler Selbstversorgung nicht für alle Produkte sinnvoll“, sagt Qaim. Einige wenige Haushalte litten zwar unter den billigen Importen, allerdings profitierten viel mehr Haushalte. Nach Ansicht des Teams sei es politisch sinnvoller, die benachteiligten Haushalte gezielt zu fördern, anstatt allgemeine Importbeschränkungen zu erlassen.

Beteiligte Institutionen und Förderung:

Neben dem Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) waren auch das Institut für Lebensmittel- und Ressourcenökonomie der Universität Bonn sowie das Department für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung der Universität Göttingen beteiligt. Die Studie wurde aus Mitteln der Universitäten Bonn und Göttingen finanziert.


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