08.06.2021 - dpa Deutsche Presseagentur GmbH

Soja-Anbau im Amazonasgebiet binnen weniger Jahre vervielfacht

Die Anbaufläche für Sojabohnen in Südamerika hat sich einer Analyse zufolge seit dem Jahr 2000 von 26 400 auf 55 100 Quadratkilometer verdoppelt. Fast immer sei das mit der Zerstörung von Natur verbunden gewesen, berichten Forscher in der Fachzeitschrift "Nature Sustainability". Die schnellste Ausweitung fand demnach im brasilianischen Amazonasgebiet statt, wo sich die Anbaufläche für Soja von 4000 auf 46 000 Quadratkilometer mehr als verzehnfacht hat.

Die Forscher hatten Satellitendaten und die Ergebnisse von Untersuchungen vor Ort kombiniert, um auf die für den Soja-Anbau genutzte Fläche in der Region in den Jahren von 2000 bis 2019 schließen zu können. Ursprünglich seien viele der Waldflächen für die Viehzucht umgewandelt worden. Im Kampf um eine Begrenzung der Entwaldung müsse der indirekte Einfluss der Soja-Expansion über die Verdrängung von Weideland oder anderen Landnutzungen berücksichtigt werden.

Die weltweite Sojaproduktion werde Prognosen zufolge bis 2050 um 50 Prozent zunehmen, was eine zusätzliche Anbaufläche von 20 Millionen Hektar erfordere - ein Großteil davon werde voraussichtlich in Südamerika entstehen. "Um die kurzfristigen Bedürfnisse der Gesellschaft mit langfristiger Nachhaltigkeit in Einklang zu bringen, sind Innovationen sowohl im Bereich des Naturschutzes als auch in der Landwirtschaft erforderlich", so die Forscher.

Agrarprodukte wie Soja gehen nach Daten des brasilianischen Landwirtschaftsministeriums zuallererst nach Asien und dort vor allem nach China, aber auch in die Europäische Union mit Ländern wie den Niederlanden, Spanien und Deutschland. Ungefähr 80 Prozent des aus anderen Regionen in die EU gebrachten Sojas wird nach Angaben der Umweltorganisation WWF für Tierfutter verwendet. Für die meisten der in Deutschland geschlachteten Tiere ist Soja demnach zentraler Bestandteil des Futters, dies gelte vor allem für Schweine und Geflügel.

Es hat dann einen langen Weg hinter sich: Über die BR-163, als "Soja-Straße" bekannt, transportieren Lastwagen die Bohnen aus den Anbaugebieten im Süden des brasilianischen Amazonasgebiets zu den Häfen im Norden. Dazu gehören unter anderem der Hafen von Itaituba, in dem eine Rundfahrt vorbei an Containerschiffen, Getreidesilos und Verladestationen führt, und der noch größere Umschlaghafen von Santarém. Schiffe bringen das Soja weiter nach Europa.

Das meiste Soja in Brasilien bauen die Produzenten immer noch im Bundesstaat Mato Grosso an. Aber die Sojafelder breiten sich auch immer weiter in den Norden des Landes aus. Bisweilen reichen die Felder bis auf wenige Meter an Häuser von Indigenen heran, wo sich früher Amazonas-Wald erstreckte. Ein wichtiges Ziel bei der Eindämmung des Klimawandels müsse es sein, Abholzung in der Lieferkette zu vermeiden, heißt es in der Studie.

Nach einem im Mai vorgestellten WWF-Bericht wurden für EU-Einfuhren von Gütern wie Soja, Palmöl, Rindfleisch und Kaffee zuletzt pro Jahr durchschnittlich Tropenwälder von der vierfachen Größe des Bodensees gerodet. Im Jahr 2017 gingen demnach weltweit 16 Prozent der Abholzung von Tropenwald im Zusammenhang mit Handel auf das Konto von EU-Importen. Innerhalb der EU steht Deutschland ganz oben auf der Liste.

Die mit Abstand größten Verursacher von Abholzung durch EU-Importe waren dem Bericht zufolge Soja (rund 31 Prozent der gerodeten Fläche) und Palmöl (rund 24 Prozent), für deren Anbau oder Produktion vor allem Wälder in Südamerika beziehungsweise Südostasien weichen mussten. Durch die importierte Entwaldung habe die EU 2017 indirekt 116 Millionen Tonnen CO2-Emissionen verursacht, heißt es in dem WWF-Bericht. Das entspreche mehr als einem Viertel der EU-Emissionen aus der Landwirtschaft im selben Jahr.

Einem ebenfalls im Mai vorgestellten Bericht der Naturschutzorganisation Forest Trends zufolge wurden fast 70 Prozent des zwischen 2013 und 2019 zur Produktion von Rohstoffen abgeholzten Regenwaldes illegal zerstört. In Brasilien ist die Situation demnach besonders dramatisch: Fast die gesamte (mindestens 95 Prozent) Abholzung sei dort 2019 illegal gewesen.

2019 war das erste Jahr von Jair Bolsonaro als brasilianischer Präsident. Der Rechtspopulist befürwortet die Ausbeutung des Amazonasgebiets. Dabei kommt Brasilien eine Schlüsselrolle beim Klimaschutz zu: Das Land verfügt mit einem Anteil in der Größe Westeuropas über einen großen Teil des Amazonasgebiets, das als CO2-Speicher gilt./mfa/DP/zb (dpa)

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