09.07.2020 - Universität Hohenheim

Buchweizen punktet als Trendlebensmittel

Anbau von Buchweizen fördern und die Artenvielfalt in der Agrarlandschaft erhöhen

Einst galt er als „Arme-Leute-Essen“, heute ist Buchweizen ein hippes, trendiges Lebensmittel, das mehr und mehr Anhänger findet. Doch auch aus ökologischer Sicht ist Buchweizen interessant, denn er gilt als ideale Insektenweide zu einem Zeitpunkt, wenn die meisten anderen Ackerpflanzen schon verblüht sind. Welche Voraussetzungen für einen wirtschaftlichen Anbau erfüllt sein müssen und welche Auswirkungen dieser auf die Biodiversität hat, untersucht jetzt ein vom Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz (MLR) gefördertes Projekt an der Universität Hohenheim in Stuttgart. Projektpartner sind apl. Prof. Simone Graeff-Hönninger von der Arbeitsgruppe Anbausysteme und Modellierung und apl. Prof. Dr. Friedrich Longin von der Landessaatzuchtanstalt. Begleitet wird das Projekt außerdem von Dr. Klaus Wallner von der Landesanstalt für Bienenkunde und Claus-Peter Hutter, Leiter der Umweltakademie Baden-Württemberg. Medienvertreter sind ‒ nach Terminabsprache ‒ herzlich eingeladen, sich vor Ort selbst ein Bild von dem Versuch zu machen.
 

„Buchweizen zählt zu den vielversprechenden Pflanzenarten, die für einen Anbau in Südwestdeutschland geeignet sein könnten“, meint apl. Prof. S. Graeff-Hönninger. „Die Pflanze stellt wenig Ansprüche an den Boden und kann wegen ihrer kurzen Vegetationszeit und eines potenziell möglichen späten Saattermins als Zweitkultur angebaut werden.“

Sein Name kann jedoch leicht in die Irre führen, denn Buchweizen ist gar kein Getreide, sondern gehört zu den so genannten „Pseudogetreiden“. So werden Körnerfrüchte bezeichnet, die ähnlich wie Getreide verwendet werden können, aber nicht von Süßgräsern wie die herkömmlichen Getreidearten Weizen, Gerste etc. abstammen. Buchweizen ist ein Knöterichgewächs und bildet kleine dreikantige Früchte aus, die an Bucheckern erinnern und ihm zu seinem Namen verholfen haben.

Bis ins 19. Jahrhundert war Buchweizen bei uns weit verbreitet und zählte zu den Grundnahrungsmitteln. Doch im Zuge der zunehmenden Intensivierung der Landwirtschaft nahm seine Anbauwürdigkeit immer mehr ab. Der Anbau rentierte sich für den Landwirt nicht mehr, denn der Ernteertrag ist relativ gering: „Pro Hektar werden etwa 20-25 dt/ha geerntet, also im Schnitt halb so viel wie bei einem Sommerweizen“, ergänzt Graeff-Hönninger.

Als Insektenweide fördert Buchweizen die Artenvielfalt

„Dabei kann Buchweizen einen wichtigen Beitrag für den Erhalt der Artenvielfalt leisten“, so Claus-Peter Hutter von der Umweltakademie Stuttgart. „Er blüht relativ spät und lang ab Mitte Juni bis weit in den Juli und ist deswegen für Insekten eine Nahrungsquelle zu einem Zeitpunkt, zu dem die meisten anderen Kulturarten schon verblüht sind.“ So wird die Vielfalt von nützlichen Insekten in der Landwirtschaft deutlich erhöht: Verschiedene Studien zeigen, dass auf Buchweizenfeldern insgesamt bis zu 60 verschiedene Arten aus 16 Insektenfamilien beobachtet werden können.

Trotz dieser Erkenntnisse ist die landwirtschaftliche Nutzung in Deutschland sehr gering. Im Laufe der Zeit ist viel Wissen verloren gegangen, angefangen bei der Auswahl geeigneter Sorten über die Düngung bis hin zur Ernte. Diese Wissenslücken wollen apl. Prof. Dr. Friedrich Longin und apl. Prof. Simone Graeff-Hönninger nun auffüllen.

Gleichzeitig soll regelmäßig beobachtet werden, wie viele und welche Insektenarten die Buchweizenblüten besuchen. „Wenn es gelingt, dass Buchweizen in Zukunft wieder mehr angebaut wird, dann trägt das auch dazu bei, die Biodiversität in der Agrarlandschaft zu erhöhen und die Nahrungsversorgung der Insekten gerade im Sommer zu verbessern“, meint Dr. Klaus Wallner von der Landesanstalt für Bienenkunde. “Und ein toller Sortenhonig springt dabei auch heraus.“

Projekt will Grundlagen für rentable landwirtschaftliche Nutzung von Buchweizen schaffen

In ihrem Forschungsprojekt möchten sie deshalb ein Anbausystem für Buchweizen entwickeln. Dazu werden die Auswirkungen verschiedener Aussaattermine und Stickstoffdüngungsstufen auf Ertrag, Bestandsentwicklung, Blühdauer, Standfestigkeit sowie auf Qualitätsmerkmale wie Kornform und -größe sowie wertgebende Inhaltsstoffe erfasst. Die Buchweizenproben werden anschließend vermahlen und das Mehl der Bäckerfachschule Stuttgart für entsprechende Backversuche zur Verfügung gestellt.

Wichtig für einen rentablen Anbau ist auch die richtige Sortenwahl, denn hier gibt es beim Buchweizen große Unterschiede. „So existieren z. B. Sorten, die immer weiter wachsen und neue Blüten bilden“, erklärt apl. Prof. F. Longin. „Entsprechend werden auch ihre Früchte unterschiedlich reif, was sie für die landwirtschaftliche Nutzung kompliziert macht, weil es keinen optimalen Erntezeitpunkt gibt. Ideal sind Sorten, bei denen alle Blüten gleichzeitig blühen und somit auch die Früchte gleichzeitig reif sind.“ Ziel ist die Züchtung von Sorten, die an die klimatischen Bedingungen von Süddeutschland angepasst sind und hohe Erträge bringen.

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass es für den Landwirt durchaus interessant sein kann, Buchweizen als Zweitkultur anzubauen. Er stellt zwar wenig Ansprüche an den Boden, ist jedoch sehr kälteempfindlich.

„Eine Aussaat im Juni, wenn die ersten Kulturarten abgeerntet sind, könnte ideal sein. Buchweizen hat eine kurze Vegetationsdauer, so dass er bereits im September geerntet und anschließend der Acker wieder für Aussaat von Winterkulturen genutzt werden kann“, erläutert Graeff-Hönninger. „Der Landwirt kann so ein und dasselbe Feld mit zwei Kulturen innerhalb eines Jahres bewirtschaften und muss nicht alleine vom Buchweizenertrag leben“.

„Wir untersuchen deswegen, inwieweit eine spätere Aussaat, also Mitte Juni im Vergleich zu Mitte Mai, zu Ertragsverlusten und Reifeverzögerungen im September führt“, ergänzt Longin. Und C.-P. Hutter schwärmt: “Dieses Projekt kann als Modellprojekt gesehen werden, wie wir neue Wege des Kulturlandschafts-Management angehen und vermitteln wollen.“

HINTERGRUND: Wissenschaftsjahr 2020 Bioökonomie

2020 steht das Wissenschaftsjahr im Zeichen der Bioökonomie – und damit einer nachhaltigen, biobasierten Wirtschaftsweise. Es geht darum, natürliche Stoffe und Ressourcen nachhaltig und innovativ zu produzieren und zu nutzen und so fossile und mineralische Rohstoffe zu ersetzen, Produkte umweltverträglicher herzustellen und biologische Ressourcen zu schonen. Das ist in Zeiten des Klimawandels, einer wachsenden Weltbevölkerung und eines drastischen Artenrückgangs mehr denn je notwendig. Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) ausgerichtete Wissenschaftsjahr Bioökonomie rückt das Thema ins Rampenlicht.

Die Bioökonomie ist das Leitthema der Universität Hohenheim in Forschung und Lehre. Sie verbindet die agrarwissenschaftliche, die naturwissenschaftliche sowie die wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Fakultät. Im Wissenschaftsjahr Bioökonomie informiert die Universität Hohenheim in zahlreichen Veranstaltungen Fachwelt und Öffentlichkeit zum Thema.

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