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Lean, agil und Halal: Lebensmittelindustrie muss sich neuen Anforderungen an Produktion und Organisation stellen

20.03.2019

Produktionsleiter-Tagung der Akademie Fresenius diskutierte Trends und Aufgaben für 2019

Auch 2019 trafen sich zum Jahresanfang auf der Produktionsleiter-Tagung der Akademie Fresenius mehr als 120 Werks- und Betriebsleiter sowie Technik- und Produktionsverantwortliche aus der Lebensmittelindustrie. Die zwölfte Produktionsleiter-Tagung fand am 22. und 23. Januar in Dortmund statt. Sie stellte den „Faktor Mensch“ in den Mittelpunkt. Teilnehmer und Experten diskutierten Konzepte des Lean Managements und des flexiblen Personaleinsatzes und ihre Auswirkungen auf Teams, Führungskräfte und Mitarbeiter.

Lean Management: Effizientes Arbeiten ist auf Akzeptanz bei den Mitarbeitern angewiesen

Lean Management, die Philosophie und das Verfahren zur effizienten Gestaltung der gesamten Wertschöpfungskette, das in der Automobilindustrie entwickelt worden ist, ist auch in der Lebensmittelproduktion angekommen. Auch für kleinere und mittlere Unternehmen bietet Lean Management eine Vielzahl von Methoden und Hilfsmitteln, um Prozesse und Verfahren zu optimieren. Davon ist Lukas Lehmeyer von apetito convenience (Hilter am Teutoburger Wald) überzeugt. Für ihn kommt es immer auf die richtige Auswahl der Methoden für die Gegebenheiten vor Ort an: „Gerade am Anfang ist eine gute Priorisierung der Themen wichtig, um schnell Erfolge aufzuzeigen und Akzeptanz zu gewinnen“, so Lehmeyer. 

Priorisierung ist Grundlage des Erfolgs

Bei der Priorisierung der Themen gelte generell der Ansatz, dort zu beginnen, wo es am meisten schmerze – und nicht, wo es den schnellsten Erfolg geben könnte. Lehmeyer rät Lebensmittelunternehmen, die Lean Management einführen wollen, sich gerade in der Anfangsphase Zeit zu nehmen. Nur so können sie die richtige Methode finden, mit der sie die Stelle, „an der der Schuh am meisten drückt“, bekämpfen können. Sein Ratschlag: „Führen Sie nicht einfach eine Vielzahl an Methoden ein, frei nach dem Motto: ‚Hauptsache wir fangen mal an…!‘“. 

Um ein Gefühl für die wichtigsten Probleme im Unternehmen, die mit Lean Management gemindert werden können, zu erhalten, sei es ratsam, sich mit Daumenwerten einen Überblick über die wichtigsten Kosten zu verschaffen. So seien zum Beispiel der Wert für die Stillstandkosten einer Anlage pro Stunde oder die durchschnittlichen Kosten für einen Mitarbeiter pro Jahr wichtige Anhaltspunkte, um die Entscheidungsfindung für die richtige Methode und rentable finanzielle Aufwendungen zu verkürzen.

Lean-Prinzipien müssen an Besonderheiten der Lebensmittelproduktion angepasst werden

Zur Vorsicht rät Lukas Lehmeyer bei der Zusammenarbeit mit externen Beratern. Oft versuchten diese, das „Schulbuchwissen“ aus der Automobilindustrie einfach auf die Lebensmittelunternehmen „überzustülpen“. Dabei sei es unumgänglich, die Methoden an die lokalen Gegebenheiten und auch an die aktuelle Situation anzupassen.

Grundsätzlich komme es beim Lean Management nicht darauf an, kurzfristig Methoden oder Hilfsmittel zu nutzen, sondern diese langfristig in den Alltag zu verankern. Für Lehmeyer ist Lean Management nicht nur ein „Tool“, sondern eher „eine Art Leitbild“, das auf die Akzeptanz bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern angewiesen sei. Das betont auch Frank, Balsliemke, Professor für Lebensmittelproduktion an der Hochschule Osnabrück. Er hat in einer Studie 260 Unternehmen der Lebensmittelindustrie zum Thema Lean Management befragt. Auch er kommt zu dem Schluss, dass die entscheidende Phase bei der Einführung oder Umstellung auf Lean Management ganz am Anfang liegt. Wenn zu Beginn Fehler gemacht oder die Mitarbeiter nicht überzeugt werden, gibt es nur noch wenige Möglichkeiten für eine zweite Chance: „Jeder Projektstopp macht die Barrieren für den nächsten Versuch nur noch höher.“ Gerade in der Einführungsphase kommt es erfahrungsgemäß zu Konflikten zwischen Führungskräften und Mitarbeitern. Deshalb sei es unumgänglich, alle Mitarbeiter „mitzunehmen“ und ihre Bedenken und Widerstände ernst zu nehmen: nicht nur durch Schulungen, sondern auch durch aktives Einbeziehen bei relevanten Fragestellungen. 

Lukas Lehmeyer rät dazu, greifbare Vergleiche aufzuführen, um bei den Mitarbeitern Betroffenheit zu erzielen: „Der monetäre Vergleich bewirkt hier oft Wunder.“ Vorteile, die durch einen temporären Mehraufwand erreicht werden können – zum Beispiel ruhigerer Maschinenlauf oder der Rückgang von Samstagsschichten – könnten helfen, Motivation und Zutrauen in die neuen Verfahren des Lean Managements zu stärken. 

Vertical Startup: Auf den guten Anfang kommt es an

Betriebsleiter Hans-Werner Ahrens schilderte in seinem Vortrag, wie die Conditorei Coppenrath & Wiese (Mettingen) Problemfelder im Produktionsanlauf analysieren und minimieren konnte. Ziel eines guten Anlaufmanagements sei der „Vertical Startup“: In der Frühphase müsse es gelingen, „möglichst viele Probleme zu lösen und richtige Weichen zu stellen“. Das sei aber leichter gesagt als getan: “Erfahrungsgemäß führen immer die gleichen Ursachen zu weniger guten Anläufen.“ Typische Fehler seien zum Beispiel unzureichende Ausbildung des Projektleiters im Projektmanagement, unvollständige Lastenhefte oder fehlende Ersatzteile. Ahrens rät dazu, diese Fehlerquellen bereits im Vorfeld aufzudecken. Dazu bedarf es strukturierter Projektablaufpläne mit Checklisten zur Projektorganisation. 

Um Pannen und Fehler in der Anlaufphase zu vermeiden, empfiehlt Ahrens, sich im Vorfeld viel Zeit und Aufmerksamkeit für die Auswahl der richtigen Erprobungsstrategie zu nehmen. Dazu müssten auch die besten Mitarbeiter für Vorversuche freigestellt werden – zum Beispiel um mit simplen Prototypen aus Pappe im Sinne des „Cardboard Engineering“ die Veränderungen am Arbeitsplatz zu simulieren. 

Herstellung und Handel mit Halal-konformen und koscheren Lebensmitteln: Auswahl des Zertifizierers ist erfolgsentscheidend 

Herstellung und Handel mit Halal-konformen und koscheren Lebensmitteln für muslimische und jüdische Kunden sind für die deutsche Ernährungsindustrie ein immer stärker werdender Umsatzfaktor. Der Koran und das jüdische Speisegesetz (Kaschrut) enthalten unterschiedliche Anforderungen an die Rohstoffauswahl und -qualität sowie detaillierte Bestimmungen für die Produktion, die Lebensmittelhersteller genau beachten müssen. Norbert Kahmann arbeitet seit mehr als zehn Jahren als Strategic Halal/Kosher Officer für den Aromahersteller Symrise. Seiner Erfahrung nach ist „Halal“ für „nahezu alle internationalen Lebensmittel- und Kosmetikhersteller“ ein Standard-Qualitätskriterium. Der Markt wachse überproportional, viele muslimische Länder forderten jetzt Halal Zertifizierungen. Herausforderungen liegen für die Hersteller nicht nur in der Umstellung der Produktion, sondern auch in der Auswahl und Anerkennung von internationalen Zertifizierungen. Die Entscheidung für eine Zertifizierungsstelle hänge auch von der Akzeptanz anderer Zertifizierer ab, außerdem von der lokalen Akzeptanz in möglichen anderen Ländergruppen. Kahmann gab wichtige Hilfestellung zur Auswahl des richtigen Zertifizierers: Ein Halal Zertifizierer sollte neben dem eigentlichen Zertifizierungsprozess auch Ansprechpartner in allen weiteren „Halal“-relevanten Fragen sein. Deshalb seien wesentliche Qualitätsmerkmal die Organisationsstruktur des Zertifizierungsbüros sowie seine Verfügbarkeit und Reaktionszeiten. 

Produktionsleiter-Tagung 2020 in Dortmund

Der Termin für die 13. Fresenius-Jahresauftakttreffen "Produktionsleiter-Tagung" im nächsten Jahr steht bereits fest: 2020 findet die Veranstaltung vom 22. bis 23. Januar in Dortmund statt (Anmeldung: www.akdademie-fresenius.de/2720).

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